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Harley Fahrtechnik 4, Fahrtechnik, Haltung, Augen, Lenken, Überholen

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    Fahren : Harley Fahrtechnik 4, Fahrtechnik, Haltung, Augen, Lenken, Überholen


    Fahrtechnik

    Jetzt aber mal Salz an die Suppe! Was muss man beim Fahren tatsächlich tun, damit man gut und sicher seine Harley auf Kurvenreichen Strassen oder in den Alpen bewegen kann?

    Grundsätzlich sind es die Faktoren Lenkbewegung, Sitzposition, Augen, Blickrichtung, Beschleunigen und Lenkbereitschaft. Der Punkt Lenkbewegung (Drücklenken, Schiebelenken) wurde schon bei der Fahrphysik erklärt. Deshalb machen wir jetzt mit der Sitzposition weiter. Dieses Kapitel ist für den Fahrbereich, in dem hauptsächlich das Drücklenken eine Rolle spielt, also jenseits von 30km/h. Über die Fahrtechnik im Schiebelenk-Betrieb (langsames Fahren und Rangieren) berichte ich im nächsten Kapitel.

    Damit der geneigte Leser einen Eindruck davon bekommt, wovon ich rede, hier ein Video. Es handelt sich um eine gelbe Goldwing mit etwa derselben Grösse, Seitenneigung und Fahrdynamik wie eine E-Glide. Der Fahrer zeigt, wie man gekonnt fährt. Das Kamerafahrzeug ist ebenfalls eine GoldWing. Aber der Fahrer dieses Bikes macht noch Fehler unter Anderem bei der Wahl der richtigen Spur.

    Der Fahrer der gelben Goldwing wendet bei seiner Fahrt alle Techniken konsequent an, die ich im Folgenden besprechen werde. Deshalb fährt er schnell, präzise und sicher. Hinschauen und lernen!!! Dieser Fahrer kommt übrigens auch in dem RideLikeAPro.com Video über den DragonTail vor. Dort versägt er vor laufender Kamera den Fahrer einer halb so schweren Rennsemmel, der dann schliesslich entnervt aufgibt und die Welt nicht mehr versteht.




    Fast in jeder Kurve hört man die Fussrasten schleifen (oder was sonst noch als erstes aufsetzt). Das bestätigt den alten Spruch: Wer nicht hin und wieder das Kreischen seiner Fussrasten in den Kurven hört, fährt nicht wirklich gut und sicher!

    Man beachte auch, das während der ganzen Fahrt nicht ein einziges mal die Kurve geschnitten oder die Fahrbahnmarkierung überfahren wird. Jede Kurve wird sauber in Ideallinie ausgefahren. Das ist mehr, als viele Harleyfahrer schon bei wesentlich geringeren Geschwindigkeiten und wesentlich weiteren Kurven hinbekommen.

    Man muss mit einer Harley nicht schnell fahren. Aber man muss als verantwortungsvoller Fahrer die Maschine und die Fahrphysik eines Motorrades beherrschen. Alles andere ist gefährlich!

    Umgekehrt gilt: Wenn man die Maschine beherrscht und entsprechend den Regeln der Fahrphysik fährt, dann kann man auch ohne Probleme mit einer Harley überraschend schnell unterwegs sein. Man muss aber nicht. Zwischen nicht Können und nicht Müssen liegt verstehen, lernen, üben, üben, üben. Und ab und zu mal mit schleifender Fussraste um die Kurve fahren.


    Sitzposition HangOff

    Wie die meisten bereits wissen, ist die bevorzugte Sitzposition bei den Reiskochern das sogenannte HangOff. Dabei legt man sich mit dem Körper in die Kurve, bis die Knie den Boden berühren. Damit verschiebt man vielleicht den Schwerpunkt seitlich und ein klitzeklines bischen nach oben (vielleicht auch nicht), aber die praktisch fahrbaren Kurvenradien (und Geschwindigkeiten) verringern sich dadurch praktisch nicht. Die sind nämlich abhängig von dem Haftreibungskoeffizienten der Reifen und der Höhe des Gesamtschwerpunktes. Die Physik lässt sich nunmal nicht überlisten. Aber so entstehen Urban Legends.


    Man verhindert durch diese Haltung, dass Fahrwerksteile schleifen. Früher hat das auch geholfen, die seitliche Reifenfläche mit dem weichen Anteil besser auf die Strasse zu bekommen (ist heute obsolet). Zudem geben die Knie eine gute Rückmeldung über die erreichte Schräglage. Im Rennbetrieb mag so ein klitzekleiner Vorteil entscheidend sein. Bei denjenigen, die nichtmal die Ideallinie einer Kurve einhalten können (die meisten Gelegenheitsfahrer), ist das nur Affig.

    Zudem haben es Rennfahrer weder mit Gegenverkehr, noch mit überraschenden Hindernissen oder unbekannter Strecke zu tun. Deshalb spielt es bei denen keine Rolle, dass man beim HangOff natürlich eine Menge Übersicht und Reaktionsfähigkeit verliert. Bei uns auf der Strasse ist das aber nicht wünschenswert.

    Ich habe die folgenden Bilder von der Webseite der tourenbike.at, auf der sich auch noch weitere interessante Infos finden:
    Kurve, Schräglage & Co - Fahrtipps | TourenbikerIn Motorrad News



    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: hangingoff.jpg Ansichten: 1 Größe: 7,3 KB ID: 3473
    (Bild Fahrphysik | Motorradfahrer Lev)

    Sitzposition Legen

    Aber auf einer Harley haben wir dieses Problem glücklicherweise nicht, da bei uns sowieso bei 30° Seitenneigung Schluss ist. Sondern unser Problem ist meist das genaue Gegenteil. Nämlich der angenietete Arsch. Die meisten Harley Fahrer sitzen in Kurven auf dem Bike, als wäre der Hintern fest mit dem Motorrad verbunden. Das Rückrat gerade. Zu allem Überfluss ist der Kopf oft nicht waagerecht, sondern wie bei einer Achterbahnfahrt in einer Linie mit dem Körper. Man guckt also auch noch auf eine schräge Landschaft. Hui...Das bringt Freude.

    Der Nachteil ist, dass es in dieser Haltung schwer fällt, in Kurven noch steiler zu werden. Zum Beispiel weil die Kurve enger wird. Das Hirn meldet sowieso schon "Scheixx Steil das ganze, zu Schnell, die Welt kippt, die Reifen (Hufen) rutschen". Und dann soll man auf einmal noch steiler werden. Ohne mich!! melden dann die meisten Hirne und drücken stattdessen lieber auf die Bremse...




    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: legen.jpg Ansichten: 1 Größe: 17,3 KB ID: 3474
    (Bild Fahrphysik | Motorradfahrer Lev)


    Sitzposition Drücken

    Deshalb jetzt mal eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten (wo alles besser war). Da fuhr der Gentleman aufrecht durch die Kurve, und hat die Maschine unter sich weggedrückt.


    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: druecken.jpg Ansichten: 1 Größe: 16,3 KB ID: 3475
    (Bild Fahrphysik | Motorradfahrer Lev)


    Diese Haltung wird heute noch gerne im Offroad verwendet, da sie eine excellente Beherrschung der Maschine in der Kurve erlaubt. Das kann uns nur recht sein. Um dieses Haltung überhaupt zu erreichen, müssen wir aber erst mal die Arschnieten lösen.

    Allgemein gibt es den Irrglaube, das Drücken langsamer ist als hängen:




    Sitzposition Hängen

    Diese Position ist für die fortgeschrittenen Fahrer gedacht, die mit einer Harley schnell in Kurven unterwegs sein wollen. Es ist ein Zwitter zwischen Drücken und HangOff. Man schiebt den Hintern in die Kurve, hält aber den Oberkörper aufrecht wie beim Drücken. Damit ändert man zwar nicht den Gesamtschwerpunkt, aber man gewinnt etwa 3-4°, bevor ein Fahrzeugteil aufsetzt. Der GoldWing Fahrer aus dem ersten Video macht übrigens genau das. Voraussetzung ist, dass man alle anderen Fahrtechniken (ausser vielleicht HangOff) souverän beherrscht.


    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: haengen.jpg Ansichten: 1 Größe: 16,8 KB ID: 3476

    (Bild Fahrphysik | Motorradfahrer Lev)

    Wer das Ganze nochmal mathematisch präziser nachvollziehen will, dem sei folgende Lektüre angeraten:
    http://www.ifz.de/tipps und Tricks/ifz_Rastendruck.pdf


    Kurve Extrem

    Und hier noch ein Video für alle die Glauben, dass nach dem Aufsetzen der Maschine oder dem Wegrutschen (Übergang von Haft- zu Gleitreibung) des Hinterrades das Ende der Welt gekommen ist (Ein Sandkorn auf der Fahrbahn, und die Maschine schleudert unkontrolliert weg). Das ist eher unspektakulär, solange man nicht zu schnell ist und das Vorderrad noch führen kann. Für Endurofahrer (oder Eisrennen) ist das eher eine gängige Fahrpraxis:





    Übung 1: Arschnieten lösen

    Auf einer gerade, breiten Strasse ohne Gegenverkehr halten wir den Oberkörper stur senkrecht, und setzen uns wechselweise von einer Arschbacke auf die andere. Immer im Wechsel. So als würden wir mit einem Snowboard wedeln. Der Hintern schiebt sich von links nach rechts und wieder zurück. Je ausgeprägter, desto besser. Wenn wir das richtig machen und den Lenker locker halten, wird die Maschine unter uns Walzer tanzen, aber weiterhin geradeaus laufen. Eigentlich wird auch hier die Änderung der Seitenneigung durch einen (kleinen) Lenkimpuls herbeigeführt. Aber es reicht bildlich gesprochen, wenn man den Hintern wackelt und die leichte Mit-Schwingbewegung, die daraufhin auf die Arme übertragen wird, leicht an den Lenker weiterzugeben. Hört sich komplizierter an, als es ist.

    Diese Übung ist auf Langstreckenfahrten auch geeignet, etwas für die Durchblutung des Hintern zu tun.

    Der Hauptfehler bei dieser Übung ist, das nicht die Arschbacken auf dem Sattel, sondern nur verkrampft der Oberkörper hin- und her geschaukelt wird. Das beeindruckt die Maschine überhaupt nicht. Die fährt dann stur weiter, als wäre nix gewesen. Nur leichter Lenkimpuls und wackeln des Hinterns löst den gewünschten Effekt aus.

    Wenn man die Maschine immer mal wieder tänzeln lässt, gewöhnt man sich daran, dass der Körper und die Maschine sich durchaus unterschiedlich bewegen können. Ohne Risiko. Dann kann man probieren, die ersten Kurven aufrecht zu fahren. Man wird feststellen, dass auch enge Kurven viel leichter gehen und man die Übersicht besser behält. Auch weil man die Augen in dieser Haltung automatisch immer horizontal hält.


    Augen Horizontal

    Egal wie man in der Kurve auf dem Motorrad sitzt, die Augen sollen immer horizontal sein. Das erfordert, in der Kurve immer den Kopf aktiv gegen die herrschenden Fliehkräfte zur Seite zu kippen. Das kann Anfangs anstrengend sein, weshalb sich viele Biker das einfach sparen.


    Man fährt, wohin man schaut

    Eine alte Erfahrung lehrt uns, dass das Bike immer genau dahin fährt, wohin man schaut. Wenn auf der Fahrbahn ein kleiner Felsbrocken liegt, und man den anschaut: Schwupps, fährt man genau darüber. Und sei er auch noch so klein und noch so schwer zu treffen.

    Das Gleiche passiert in Kurven. Der Blick sollte deshalb immer dahingehen wo man hin will. Also an den Kurvenausgang, am besten zum Anfang der nächsten Kurve. Dazu muss der Kopf aktiv gedreht werden, das drehen der Augäpfel reicht oft nicht. So macht man mit dem Kopf eigentlich zwei Bewegungen: Er wird erstmal waagerecht gehalten, und dann muss man ihn auch noch zur Schulter drehen, um aus der Kurve rauszugucken. Alle Hindernisse wie Mauern, Abgründe, Menschen am Strassenrand werden dabei nur noch peripher wahrgenommen.

    Was passiert aber tatsächlich? Da kommt einem ein Auto in der Kurve entgegen, man schaut das ängstlich an, und schwupps fährt man genau darauf zu. Oder man sieht die gefährlich nahe Mauer am Rand der Serpentine. Oder einen Abgrund ohne Leitplanken. Und Schwupps kratzt man daran. Am schlimmsten sind Menschen an oder auf der Fahrbahn. An denen bleibt der Blick magnetisch hängen. Da passieren dann auch die meisten Unfälle, weil man gar nicht anders kann, als auf diese Menschen zuzufahren.


    Übung 2: Blick aus der Kurve

    Diese Übung fängt man am besten auf eine leeren Parkplatz an. Mit ein paar Hütchen baut man sich eine Parcours aus wechselnden Kurven auf. Zuerst weite Kurven, später engere. Dann übt man, den Kopf so zu drehen, dass man nicht mehr zu der Front des Motorrades sieht, sonder zu dem Punkt, wo man als nächstes sein will. Wenn das klappt, dann können sich mal ein paar Helfer an den Rand stellen und Spökskes machen. Dadurch üben wir, aktiv unseren Blick von Ablenkungen wegzunehmen und diesen wieder auf die Strasse zu lenken.

    Wenn man das kann, übt man diese Technik natürlich weiter in jeder Kurve, die man bewusst fährt!


    Nicht bremsen, sondern Kippen

    Wie schon im Kapitel über Fahrphysik erwähnt ist es keine gute Idee, in der Kurve zu Bremsen, weil sie entweder enger wird, man sich mit der Geschwindigkeit verschätzt hat oder der entgegenkommende Verkehr die eigene Spur enger macht.

    Wenn man in dieser Situation bremst, wird die Geschwindigkeit zwar geringer (was eigentlich zu einem engeren Radius führen müsste). Stattdessen gibt es aber ein aufstellendes Moment, was dazu führt, dass die Maschine sich aufrichtet, der Kreisradius grösser wird und man dann erst recht auf die Gegenspur kommt. Also erreicht man durch das Bremsen genau das Gegenteil von dem, was man erreichen will.

    Der einzig wirksame Weg ist, sich noch weiter in die Kurve zu legen. Dazu drückt man das Kurveninnere Lenkerende oder zieht das Kurvenäussere (was manchmal leichter ist). Das muss man sich in dieser Situation aber trauen. Um das zu trainieren gibt es eine mentale Übung.


    Übung 3: Nicht Bremsen, Kippen

    Während man eine Kurve fährt zwingt man sich, die Hand von der Bremse zu lassen und spricht ständig vor sich hin: Kippen, Kippen Kippen. Wenn es dann mal eng wird, ist das nächste Kommando im Kopf, was man sich gibt: Kippen. Das geht um so einfacher, je aufrechter man sitzt. Also wenn man die Maschine unter sich wegkippt (siehe Übung 1).


    Video 1

    Um zu demonstrieren was passiert, wenn man bremst statt sich in die Kurve zu legen und den Blick falsch legt, gibt es ein hübsches Video. Zum Glück ist der Unfall glimpflich abgelaufen:




    Das Problem fängt damit an, dass die beiden Harleys viel zu spät zum Überholen ansetzen, und damit relativ schnell sind, als sie zur zweiten Kurve kommen. Aber das wäre mit etwas Schräglage trotzdem gut zu bewältigen. Statt dessen bremsen sie. Wenn man bremst, kann man nicht lenken. Und die Kurve kommt immer näher, deshalb der Blick starr geradeaus auf die Mauer der bedrohlich schnell näherkommenden zweiten Kurve. Und genau dahin, wohin die Fahrer geschaut haben, ist die Maschine auch gefahren.

    Der hintere Fahrer hat auf den Vorderen geschaut. Nur weil er etwas länger bremsen konnte und eher nach rechts gesehen hat, ist er noch davongekommen.
    Hätte der erste Fahrer die Bremse gelöst und in die Kurve gesehen und kippen, kippen kippen gemacht, wäre alles ohne Probleme gelaufen.


    Video 2

    Dieses Video ist ein kleiner Zusammenschnitt von Jerry "Motorman" Palladino, auf den ich später noch ausführlich zu sprechen kommen werde. Auch in diesem werden typische Unfallsituationen gezeigt, die immer dieselben Ursachen haben: Augen, Bremsen, Kippen:




    Wahl der richtigen Spur

    Ein Motorrad ist gegenüber einem Auto relativ schmal gebaut. Also hat man auf seiner Seite der Fahrbahn eine relativ grosszügige Auswahl, ob man weiter links oder weiter rechts fahren will. Auf gerade Strassen gilt, dass man immer ungefähr da fahren soll, wo man auch in einem PKW sitzen würde. Also am linken Rand.

    Vor einer Kurve muss man sich entscheiden. Und obwohl es so einfach ist, machen es viele Biker nicht. Bevor man eine Rechtskurve fährt, fährt man möglich nah an die Mitte der Fahrbahn. Bevor man eine Linkskurve fährt, fährt man möglichst weit rechts am Rand. Das sorgt dafür, dass man weniger Kurvenradius braucht, um die Kurve zu bewältigen.

    Wenn man das nicht tut, kann es sein, dass einem bei der folgenden Kurve schlicht der Platz ausgeht.

    Video 3

    Zu diesem Thema habe ich ein Video gefunden, dass mir eine Menge Schreib- und Erklärarbeit spart:
    Kurvenschule: Mit dem Motorrad sicher unterwegs auf der Landstraße - YouTube



    Wahl der richtigen Geschwindigkeit

    Schon vor der Kurve muss man die passende Geschwindigkeit erreicht haben (evtl. Bremsen oder Motorbremse), um die Kurve sicher zu durchfahren. Aber bitte nicht so langsam, dass man fast nicht kippt und wie eine Schubkarre daherkommt. Und auch nicht zu schnell. Das Bremsen in der Kurve ist bekannterweise problematisch. Da hilft dann nur noch kippen, kippen, kippen, wenn es doch nicht passt. Halt einfach dynamisch und sicher.


    Beschleunigen aus der Kurve

    Spätestens ab dem Scheitelpunkt der Kurve muss man anfangen, wieder Gas zu geben. Durch das umgekehrte Aufstellmoment wird die Maschine damit "durch die Kurve gezogen". Das setzt natürlich voraus, dass man nicht etwa die Kupplung gezogen hat, sondern mit Kraftschluss durch die Kurve fährt. Wenn man dabei das Gas komplett wegnimmt, hat man den Bremseffekt des Motors, die sogenannte Motorbremse. Kraftschluss heisst demnach ganz leicht Gas geben, so dass der Motor gerade nicht mehr bremst.

    Ab der Mitte der Kurve (Scheitelpunkt) gibt man dann ganz leicht immer mehr Gas. Man stellt dabei fest, dass dieses Fahrmanöver die Kurvenfahrt deutlich stabilisiert. Macht man das nicht, hungert die Maschine zum Kurvenende aus, die Radien werden grösser, man kommt ins wackeln und im Ernstfall sogar in den Bereich des Schiebelenkens. Sieht nicht nur scheixxe aus, es ist auch unprofessionell und gefährlich.

    Für das Fahren in engen Kurven mit Kraftschluss hilft es, wenn der Motor so eingestellt ist, dass er auch bei ganz niedrigen Drehzahlen ohne Stottern oder Aussetzer sauber anzieht. Werksneue Harleys tun das leider oft nicht. Meine Maschine zieht ab 1200rpm ohne Probleme das Bike mit mir und vollem Gepäck einen steilen Pass hoch. Das ist knapp über Standgas. Erreichen wird man das, indem man zum Beispiel die Einspritzanlage umprogrammiert. Ich verweise dazu auf die EFI-Artikel in diesem Forum. Die ordentliche Einstellung der Einspritzanlage ist also auch ein echter Sicherheitsvorteil..


    Übung 4: Kippen und Gas geben

    Diese Übung erweitert einfach nur Übung 3 (Kippen). Jetzt sagt man sich mental in jeder Kurve: Kippen, Kippen, Kippen, Gaaas geben...


    Video 4

    Dieses Video zeigt was passiert, wenn man schlampig mit der Kurvenlinie ist (also nicht vor der Kurve an den entgegengesetzten Rand fährt) und zusätzlich von einem Menschen am Strassenrand abgelenkt wird, auf den der Blick wie gebannt hängen bleibt (der Goldwing Fahrer am Strassenrand). Interessant wird es ab 2:55.






    Überholen

    Sicheres Überholen hat zwar nichts direkt mit der Kurventechnik zu tun, kann aber Überlebenswichtig für jeden Biker sein.

    Beim Überholen gibt es zwei Hauptprobleme. Erstens wird zu lange gezögert, bevor der Überholvorgang gestartet wird. Eigentlich ist die Strasse frei, das zu überholende Auto fährt moderat schnell, die nächste Kurve ist noch ein Stück hin. Aber statt sofort loszufahren wird nochmal geschaut, nochmal überlegt, dann sind vier Sekunden um. Wenn man auch nur 80km/h fährt, hat man in dieser Zeit mehr als 300m zurückgelegt. Diese Strecke fehlt einem. Um diese Strecke wird das Überholfenster kleiner. Unnötigerweise. Das führt zu dem allseits beobachtbaren Effekt, dass das Überholmanöver erst knapp vor der nächten Kurve beendet wir. Und dann muss man voll in die Eisen steigen, weil sonst die Kurvengeschwindigkeit zu hoch ist.

    Deshalb muss man eine ganz andere Strategie verfolgen. Man muss im Kopf ein Bild haben, wieviel Strasse man sehen muss, um sicher überholen zu können. Sobald man soviel sieht: Nicht mehr denken, sondern sofort überholen. Diese mentale Technik heisst "Trigger-Mind". Man denkt nicht mehr, sondern der Geist ist wie ein vorgespannter Hahn eines Revolvers (Trigger). Wenn er ausgelöst wird, geht der Rest sofort und automatisch.

    Das zweite Problem ist, dass zu langsam und zögerlich überholt wird. Es wird mit zu hohem Gang und/oder zu wenig Gas überholt. Manchmal trullern Bikes auch sekundenlang neben dem überholten Fahrzeug auf der Gegenspur her, ohne voran zu kommen. Ein Überholvorgang muss schnell begonnen und schnell abgeschlossen werden. Die Zeit auf der Gegenfahrbahn ist zu minimieren.


    Beim Überholen muss man also IMMER Vollgas geben!

    Nicht Teilgas, nicht Viertelgas, nicht Irgendwas. Sondern Vollgas. Gasgriff bis zum Anschlag. Eine moderne Harley hat bessere Beschleunigungswerte wie ein Porsche 911. Trotzdem fahren viele Harleyfahrer so, als würden sie einen russischen Traktor bewegen. Wenn das Vollgas geben nicht reicht, dann einen Gang runterschalten und Vollgas geben!

    Für alle, die daran ihre Zweifel haben, hier eine kurze, überschlagmässige Berechnung: Der Porsche 911 wiegt 1600kg bei 350 PS. Das macht 4.5 kg pro PS. Eine schwere Touren-Harley wiegt 320 kg bei 70 PS. Das macht auch 4.5kg pro PS. Mit offenem Motor (Auspuff, Lufi) sind das auch gerne noch mehr PS. Ich liege bei 100PS. Bei Dynas auch noch weniger kg.

    Dazu ist eine Harley schmaler gebaut, kann also alleine schon deshalb den Überholvorgang schneller beginnen und abschliessen. Beispielsweise auf engen Landstrassen oder Passzufahrten. Während der Porsche Turbo hinter dem Bus oder dem Kleintransporter herdackelt und darauf wartet, dass aus der Passtrasse eine Autobahn wird, überhole ich beide gleichzeitig und bin weg.

    Was aber viel wesentlicher ist: Sogar wenn ein Porsche 911 ein klein wenig schneller überholen könnte, hat eine Harley weiterhin die Beschleunigungswerte eines guten Sportwagens. Trotz ihres voluminösen Auftretens und Gewichtes. Trotzdem überholen viele Harley Fahrer immer noch mit viel zu hohem Gang und Halbgas. Ganz gemütlich halt.

    Wenn der Überholvorgang beendet ist, dann sofort wieder auf die eigene Spur, sobald der Überholvorgang durch ist und erst danach die Geschwindigkeit wieder anpassen. Wenn man in einer Kolonne mit anderen Bikes fährt, dann sollte man nach dem Überholvorgang nicht sofort langsamer werden, damit die Nachfolgenden noch Gelegenheit haben, sicher einzuscheren. Davon mehr in einem späteren Kapitel.


    Überholen in der Kurve

    Manchmal, auf ganz freier Strecke, wenn man weit voraussieht und alles weit jenseits der Kurve in völliger Übersicht hat, dann kann man auch in der Kurve überholen. Zu beachten ist, dass man dabei deutlich mehr Seitenneigung braucht als üblich, weil der zu Überholdende die Mindestgeschwindigkeit bestimmt, man nicht Beschleunigen kann, da man eine Kurve fährt und der eigene Fahrbahnraum zum Ausweichen (z.B. von Fahrbahnschäden) wegen der Schräglage in der Kurve halbiert ist.

    Ansonsten NO, NO, NO. Egal wieviele Idioten man vor sich sieht, die genau das machen.

    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: weiter.jpg Ansichten: 4 Größe: 5,4 KB ID: 3923

    Disclaimer

    Alle Tips und Übungen in diesem Forum werden ausschlieslich zu Studienzwecken veröffentlicht. Wer diese ausprobiert, macht das auf eigenes Risiko. Der Autor übernimmt keinerlei Gewährleistung für die Richtigkeit oder die Vollständigkeit der publizierten Informationen.




    © 2011 Peter Viczena
    Zuletzt geändert von peter; 07.10.2021, 14:57.
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